Hei­del­berg – ein zen­tra­ler Ort roman­ti­scher Lite­ra­tur

„Hei­del­berg selbst ist eine präch­ti­ge Roman­tik; da umschlingt der Früh­ling Haus und Hof und alles Gewöhn­li­che mit Reben und Blu­men, und erzäh­len Bur­gen und Wäl­der ein wun­der­ba­res Mär­chen der Vor­zeit“, schrieb schon der Dich­ter Joseph von Eichen­dorff. Da die Lite­ra­tur um 1800 ein zen­tra­les Abitur­the­ma ist, unter­nah­men die Leis­tungs­kur­se Deutsch bei bes­tem Früh­lings­wet­ter eine Exkur­si­on, um in Hei­del­berg anhand einer selbst gestal­te­ten Füh­rung auf die Spu­ren bekann­ter Dich­te­rin­nen und Dich­ter die­ser Zeit zu kom­men.

Hei­del­berg und beson­ders das Schloss ste­hen exem­pla­risch für das Ide­al der Roman­tik, da hier Natur, Geschich­te, die Begeis­te­rung für Rui­nen und das Mit­tel­al­ter ver­eint sind. Von der Schloss­ter­ras­se aus lässt sich auch durch den Blick in die Fer­ne das für die Roman­tik typi­sche Gefühl der Sehn­sucht nach­emp­fin­den.

Aber auch Goe­the sieht Hei­del­berg als Ide­al­land­schaft, in der sich die Ver­ei­ni­gung von Gegen­sätz­lich­kei­ten wie Natur und Bau­werk oder das Leben und Rui­nen zeigt. Eben­so schreibt Joseph von Eichen­dorff als Rück­blick auf sei­ne Stu­den­ten­zeit in Hei­del­berg, dass Hei­del­berg roman­tisch sei und gera­de das Schloss sei­ne Vor­ge­schich­te erzäh­len wür­de und spielt damit auf die Begeis­te­rung und Fas­zi­na­ti­on für Rui­nen in der Roman­tik an.

Beson­ders beliebt war das Hei­del­ber­ger Schloss auch in der roman­ti­schen Land­schafts­ma­le­rei. Carl Rott­mann fängt in einem sei­ner Wer­ke in einer Kom­po­si­ti­on aus Licht und Far­ben die Stim­mung eines roman­ti­sches Sehn­suchts­bilds ein. Die­ser Effekt wur­de von Schle­gel als eine „schwe­ben­de Träu­me­rei“ bezeich­net. Die­se Träu­me­rei steht einer­seits für das Fern­weh und Stre­ben nach dem Unend­li­chen, ande­rer­seits auch für die erha­be­ne Rui­nen­schwär­me­rei, die unter ande­rem für Geschich­te und Ver­gäng­lich­keit steht.

Das Hei­del­ber­ger Schloss und sein Gar­ten waren nicht nur für die Roman­ti­ker, son­dern auch für Johann Wolf­gang von Goe­the nicht nur ein Rei­se­ziel, son­dern auch ein Ort per­sön­li­cher Begeg­nung und Inspi­ra­ti­on für sei­ne Wer­ke. Die Tref­fen mit Mari­an­ne von Wil­le­mer in Hei­del­berg präg­ten beson­ders die Lie­bes­ge­dich­te, in denen die gemein­sa­me Bezie­hung immer wie­der als zen­tra­les The­ma erscheint. Im Gedicht „Gink­go bilo­ba“ wird das zwei­ge­teil­te und doch ver­bun­de­ne Blatt zum Sym­bol ihrer Lie­be und geis­ti­gen Ein­heit.

Auch in Mari­an­ne von Wil­le­mers Ant­wort­ge­dicht „Hei­del­ber­ger Schloss“ zeigt sich die Ver­bin­dung von Natur, Erin­ne­rung und dem geschichts­träch­ti­gen Hei­del­berg. Die Goe­the­bank und die Goe­the­sta­tue im Hei­del­ber­ger Schloss­gar­ten erin­nern dar­an, dass Hei­del­berg für Goe­the ein Ort war, an dem Lie­be, Land­schaft und Lite­ra­tur zusam­men­ka­men.

Eine wei­te­re Sta­ti­on unse­res Rund­gangs war der Dicke Turm des Hei­del­ber­ger Schlos­ses.

Er ist über 37 Meter hoch und hat bei einer Mau­er­di­cke von sie­ben Metern einen Durch­mes­ser von 14 Metern. Häu­fig wird er als Bei­spiel für die roman­ti­sche Rui­nen­be­geis­te­rung gese­hen. Die­se Rui­nen­be­geis­te­rung basiert auf der Fas­zi­na­ti­on von der Kom­bi­na­ti­on des Men­schen gemach­ten, archi­tek­to­ni­schen Bau­werks und der natür­li­chen Umge­bung. Häu­fi­ge Moti­ve sind Rui­nen, die stark bewach­sen sind, da dadurch aus der zer­stör­ten Rui­ne durch die Pflan­zen wie­der etwas Gan­zes und Voll­kom­me­nes wird.

Und auch der Land­schafts­ma­ler Carl Phil­ipp Fohr stellt die­se Rui­nen­be­geis­te­rung in sei­nem Bild vom Dicken Turm dar. Anders als das Ori­gi­nal ist der Turm auf sei­nem Gemäl­de stark von Klet­ter­pflan­zen bewach­sen. Auch die Sta­tu­en, die Men­schen dar­stel­len, sind kaum noch zu erken­nen, was die Sehn­sucht nach der Rück­kehr in die Natur dar­stellt, die für die Roman­tik so typisch ist. Die kla­re Sicht durch die Turm­fens­ter auf den Him­mel, sowie die Licht­quel­le, die den Turm beleuch­tet, erzeu­gen eine gött­li­che und über­na­tür­li­che Wir­kung. Dadurch wird die roman­ti­sche Sehn­sucht nach dem Uner­reich­ba­ren, dem Über­na­tür­li­chen und Fer­nen dar­ge­stellt.

Nach der Besich­ti­gung von Schloss und Schloss­gar­ten führ­te uns unser Weg hin­un­ter in die Alt­stadt.

Die Bedeu­tung der Stadt Hei­del­berg als Zen­trum der Roman­tik, in dem sich Dich­ter und Gelehr­te inten­siv aus­tausch­ten, zeig­te sich an vie­len Orten. Als ers­tes gin­gen wir zum Haus Hei­lig­geist­stra­ße 7/7a. Karo­li­ne von Gün­der­ro­de hielt sich hier ab 1804 auf, wenn sie ihre Freun­din Sophie Daub besuch­te.

Gün­der­ro­de war eine bedeu­ten­de Dich­te­rin der Roman­tik, die sich in ihren Wer­ken mit star­ken Gefüh­len, Sehn­sucht und der Rol­le der Frau aus­ein­an­der­setz­te. Wäh­rend ihres Auf­ent­halts in Hei­del­berg ent­wi­ckel­te sich ihre inten­si­ve, aber pro­ble­ma­ti­sche Lie­bes­be­zie­hung zu dem Alt­phi­lo­lo­gen Fried­rich Creu­zer, die sie stark präg­te. Die­se Erfah­run­gen spie­geln sich in ihren Gedich­ten wider: In „Die Mala­ba­ri­schen Wit­wen“ wird Lie­be als so radi­kal dar­ge­stellt, dass sie erst im gemein­sa­men Tod ihre Erfül­lung fin­det, wäh­rend „Der Gefan­ge­ne und der Sän­ger“ eine uner­füll­ba­re Bezie­hung zeigt, die durch äuße­re Zwän­ge getrennt bleibt. Beson­ders deut­lich wird dabei, dass Gün­der­ro­de Lie­be als exis­ten­zi­el­le Erfah­rung ver­steht, die ihr eige­nes Leben so stark bestimm­te, dass sie nach Creu­zers Ent­schei­dung, sich von ihr zu tren­nen, schließ­lich kei­nen Aus­weg mehr sah und sich das Leben nahm.

Die nächs­te Sta­ti­on befand sich in der Hei­del­ber­ger Haupt­stra­ße 146, dem heu­ti­gen Glo­ria-Kino. Frü­her war das Gebäu­de der Sitz des Ver­la­ges Mohr und Zim­mer, des wich­tigs­ten Ver­lags für die jun­gen Roman­ti­ker. Der Ver­lag ver­brei­te­te wich­ti­ge Wer­ke der Roman­tik und mach­te deren Ideen – wie Gefühl, Natur­ver­bun­den­heit und Volks­nä­he – einem grö­ße­ren Publi­kum zugäng­lich.

Das wich­tigs­te und erfolg­reichs­te Pro­jekt des Ver­la­ges war die Lie­der­samm­lung „Des Kna­ben Wun­der­horn“ von Cle­mens Bren­ta­no und Achim von Arnim. Sie ist ein Schlüs­sel­werk der Roman­tik, da sie Volks­lie­der bewahrt und das Inter­es­se am Ursprüng­li­chen und Volks­tüm­li­chen stärkt.

Bei­des zeigt zen­tra­le Ideen der Roman­tik: Rück­griff auf Tra­di­ti­on, Gefühl und Volks­kul­tur.

Das Restau­rant Schnoo­kel­och ist das Haus, in dem Joseph von Eichen­dorffs Jugend­lie­be Katha­ri­na Bar­ba­ra Förs­ter am 30. Juli 1837 unver­hei­ra­tet ver­starb. Deren Bezie­hung war schnell wegen sozia­ler und reli­giö­ser Unter­schie­de geschei­tert. Dar­auf­hin ver­ließ der dama­li­ge Jura­stu­dent Eichend­off im Jah­re 1808 Hei­del­berg. Eichen­dorff ver­ar­bei­te­te die Erfah­rung der Tren­nung ver­mut­lich in sei­nem Gedicht „Das zer­bro­che­ne Ring­lein“.

Auf­grund der ers­ten bei­den Ver­se „In einem küh­len Grun­de / Da geht ein Müh­len­rad“ wird dem Gedicht eine Ver­bin­dung zum „Küh­len Grund“ in Rohr­bach nach­ge­sagt, dem Hei­mat­ort von Katha­ri­na Förs­ter. In dem Restau­rant Schnoo­kel­och gibt es heu­te Erin­ne­rungs­stü­cke an Eichen­dorff, jedoch kei­ne Denk­mä­ler für Katha­ri­na Förs­ter.

Ein wei­te­rer Hot­spot Hei­del­bergs ist die Alte Brü­cke. Dort wur­de Höl­der­lins Hei­del­berg-Ode bespro­chen, da man sich die Brü­cke sehr gut als Stand­ort des lyri­schen Ichs vor­stel­len kann.

Das Gedicht „Hei­del­berg“ von Fried­rich Höl­der­lin ent­stand nach sei­nen Auf­ent­hal­ten in Hei­del­berg und spie­gelt sei­ne tie­fe Bewun­de­rung für die Stadt wider. Er beschreibt Hei­del­berg als har­mo­ni­sche Ver­bin­dung von Natur, Fluss, Brü­cke und Stadt, die ihn emo­tio­nal stark berührt. Beson­ders die Brü­cke wird als Ort dar­ge­stellt, der Fern­weh und den Wunsch aus­löst, sich dem „Fluss der Zeit“ hin­zu­ge­ben. Gleich­zei­tig the­ma­ti­siert Höl­der­lin die Ver­gäng­lich­keit, etwa am Bei­spiel der vom Ver­fall gezeich­ne­ten Burg. Ins­ge­samt ver­bin­det das Gedicht Natur­er­leb­nis, per­sön­li­che Emp­fin­dung und phi­lo­so­phi­sche Gedan­ken über Zeit und Schön­heit.

Die vor­letz­te Sta­ti­on bil­de­te das Palais Bois­se­rée, in dem heu­te das Ger­ma­nis­ti­sche Semi­nar der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg unter­ge­bracht ist. Sei­nen Namen erhielt die­ses 1705 errich­te­te Gebäu­de durch die Brü­der Sul­piz und Mel­chi­or Bois­se­rée, die dort um 1810 ihre berüh­met Gemäl­de­samm­lung, bestehend aus Wer­ken des spä­ten Mit­tel­al­ters und der frü­hen Neu­zeit, auf­bau­ten. Bekannt wur­de es durch den Besuch von Goe­the, der dar­in meh­re­re Wochen wohn­te und einen loben­den, 50 Sei­ten lan­gen Bericht schrieb. Es erlang­te dadurch gro­ße Bekannt­heit und war auf Grund des Inter­es­ses der Roman­ti­ker am Mit­tel­al­ter bedeu­tend für die Hei­del­ber­ger Roman­tik.

Die letz­te Sta­ti­on, das Palais Graim­berg, soll­te die Füh­rung abschlie­ßen und noch ein­mal Bezug auf den Anfangs­punkt, das Schloss neh­men. Den Namen trägt die­ses am Korn­markt zu fin­den­de Gebäu­de nach dem „Ret­ter“ des Hei­del­ber­ger Schlos­ses. Charles de Graim­berg, war ein fran­zö­si­scher Ade­li­ger, Maler und Kup­fer­ste­cher, der 1810 nach Hei­del­berg kam, um ursprüng­lich das Schloss, wel­ches schon damals eine Rui­ne war, zu zeich­nen und zu ver­le­gen.

Er fand die­ses jedoch in einem sehr deso­la­ten Zustand wie­der, da es von der neu­en Regie­rung in Karls­ru­he zum Stein­bruch dekla­riert und von der Bevöl­ke­rung nach und nach abge­bro­chen wur­de. Er wid­me­te sich daher nun­mehr dem Erhalt und dem Schutz des Schlos­ses, bis die­ses auch von den Behör­den unter Denk­mal­schutz gestellt wur­de. Zudem fer­tig­te er eine Samm­lung über jeg­li­che von ihm auf­ge­trie­be­ne Arte­fak­te zum Schloss an, die heu­te im Kur­pfäl­zi­schen Muse­um zu sehen ist. Unwei­ger­lich wür­den wir ohne ihn heu­te nicht mehr vor dem Schloss als Wahr­zei­chen der Stadt Hei­del­berg ste­hen, son­dern ledig­lich vor den bis zum Boden abge­tra­ge­nen Grund­mau­ern.

Nach die­sem Nach­mit­tag wer­den wir nicht nur ein­zel­ne Dich­te­rin­nen und Dich­ter, son­dern auch vie­le Stel­len in Hei­del­berg mit ande­ren Augen sehen.

Text: Deutsch Leis­tungs­fach

Fotos: Dr. Sell­ner