Tschechienaustausch 2026 mit dem Schwerpunkt „Erinnerungskultur in Tschechien nach dem Zweiten Weltkrieg und der Umgang mit Sudetendeutschen“
Im Rahmen der Erasmus+ Gruppenmobilität reiste eine Schülergruppe mit zwei Lehrerinnen vom 9. bis 11. Juni 2026 an das Gymnázium Vítězslava Nováka in Jindřichův Hradec in der Tschechischen Republik. Ziel der Begegnung war es, die Lernenden durch gemeinsame Aktivitäten mit tschechischen Partnerinnen und Partnern für europäische Geschichte, gemeinsame Werte und demokratische Verantwortung zu sensibilisieren sowie ihre interkulturellen, sprachlichen und sozialen Kompetenzen zu stärken.
Bereits bei der Ankunft wurden die Teilnehmenden von den Gastfamilien und der Partnerschule herzlich empfangen, was den persönlichen Kontakt und den Aufbau tragfähiger zwischenmenschlicher Beziehungen förderte.
Am ersten Projekttag besuchten die Schülerinnen und Schüler die Gedenkstätte in Lety bei Písek, wo sie sich mit der Geschichte des ehemaligen Lagers für Sinti und Roma auseinandersetzten. Durch die Beschäftigung mit historischen Quellen und dem Besuch des Massengrabs erhielten die Lernenden einen eindrücklichen Zugang zu den Folgen von Verfolgung, Ausgrenzung und Mitverantwortung. Der Besuch trug wesentlich dazu bei, historisches Bewusstsein zu vertiefen und Empathie für Opfergruppen nationalsozialistischer Gewalt zu entwickeln, die jedoch auch die tschechische Verantwortlichkeit nicht ausklammerte. Am Nachmittag bot eine gemeinsame Bootstour auf der Moldau Gelegenheit, die tschechische Landschaft und Kultur kennenzulernen sowie den Austausch innerhalb der internationalen Gruppe zu vertiefen.
Am zweiten Projekttag nahm die Gruppe in Prag an einem Workshop der Organisation Post Bellum (NGO) teil. Dort arbeiteten die Schülerinnen und Schüler mit biografischen und historischen Materialien und setzten sich mit persönlichen Lebensgeschichten aus der Zeit totalitärer Herrschaft auseinander. Der Workshop förderte den Perspektivwechsel, das kritische historische Denken und die Fähigkeit, verschiedene Erfahrungen und Sichtweisen miteinander in Beziehung zu setzen. Im Anschluss erkundeten die Teilnehmenden Prag in Kleingruppen und stärkten dabei ihre Eigenverantwortung, Orientierungskompetenz und ihre Kommunikationsfähigkeit in einem internationalen Umfeld.
Am dritten Projekttag standen weitere Bausteine zur europäischen Erinnerungskultur und zur deutsch-tschechischen Geschichte im Mittelpunkt. In der Schule gedachten die Teilnehmenden gemeinsam ehemaligen Schülern, die dem Nationalsozialismus zum Opfer gefallen waren. Anschließend besuchten sie eine ehemalige Synagoge, die heute von der Hussitengemeinde genutzt wird, und erhielten Einblicke in die religiöse und kulturelle Entwicklung des Ortes. Der offizielle Empfang durch den Bürgermeister würdigte den Austausch als Beitrag zur europäischen Verständigung und zur Pflege partnerschaftlicher Beziehungen zwischen beiden Schulen und Städten.
Ein weiterer inhaltlicher Schwerpunkt war die historische Nachkriegszeit und der Umgang mit den Sudetendeutschen. In einer Vorlesung lernten die Teilnehmenden verschiedene historische Perspektiven kennen und setzten sich mit Fragen von Vertreibung, Erinnerung und Verantwortung auseinander. Die anschließende Fahrt nach Peršlák beziehungsweise Bernschlag und der Besuch eines ausgelöschten Dorfes ehemaliger Sudetendeutscher machten die Folgen historischer Konflikte auch räumlich sichtbar. Dadurch wurde den Lernenden deutlich, wie eng die Geschichte beider Länder miteinander verbunden ist und wie wichtig ein reflektierter Umgang mit dem historischen Erbe für ein friedliches Europa ist.
Der letzte Abend in den Gastfamilien bot Raum für alltagsnahe interkulturelle Erfahrungen und persönliche Begegnungen. Besonders durch das Leben in den Familien konnten die Teilnehmenden ihre sprachlichen Fähigkeiten im Englischen sowie im Kontakt mit
Tschechisch und Deutsch praktisch anwenden und ihre kommunikativen Kompetenzen im Alltag erproben.
Der Austausch unterstützte insbesondere die Entwicklung von kulturellem Bewusstsein und kulturellem Ausdruck, zwischenmenschlichen Fähigkeiten und der Fähigkeit, neue Kompetenzen zu erwerben, sowie Mehrsprachigkeit.
Zugleich trug das Projekt dazu bei, das Bewusstsein für europäische Identität, Staatsbürgerschaft und Werte zu stärken. Die Schülerinnen und Schüler erfuhren Europa nicht nur als politischen Raum, sondern als gemeinsamen historischen und kulturellen Erfahrungsraum, der von Vielfalt, Verantwortung und gegenseitigem Respekt geprägt ist, weshalb die Mobilität einen nachhaltigen Beitrag zur europäischen Bildung leistete.






