Woy­zeck geht unter die Haut

Mit gro­ßer Inten­si­tät und beein­dru­cken­der schau­spie­le­ri­scher Prä­senz brach­te das Thea­ter Mobi­le­Spie­le Georg Büch­ners Dra­men­frag­ment „Woy­zeck“ auf die Büh­ne des Max-Born-Gym­na­si­ums Neckar­ge­münd. Rund 50 Schü­le­rin­nen und Schü­ler der Kurs­stu­fen K1 und K2 ver­folg­ten auf­merk­sam die etwa 70-minü­ti­ge Auf­füh­rung, die trotz der inzwi­schen geän­der­ten Abitur­vor­ga­ben wei­ter­hin von hoher Rele­vanz für den Deutsch­un­ter­richt ist. „Für die Basis­fä­cher bleibt das Werk prü­fungs­re­le­vant“, erläu­ter­te Orga­ni­sa­to­rin und Deutsch­leh­re­rin Ellen Koch.

Über vie­le Jah­re gehör­te „Woy­zeck“ zu den Stern­chen­the­men im baden-würt­tem­ber­gi­schen Abitur. Ent­spre­chend häu­fig war das Stück im Reper­toire von Mobi­le­Spie­le ver­tre­ten. Bis zu 200 Mal jähr­lich wur­de die Insze­nie­rung an Schu­len gezeigt, mitt­ler­wei­le sind die Auf­füh­run­gen deut­lich sel­te­ner gewor­den. Den­noch tourt das mobi­le Thea­ter wei­ter­hin durch ganz Baden-Würt­tem­berg und auch Hes­sen. Dabei bringt es lite­ra­ri­sche Klas­si­ker wie Her­mann Hes­ses „Step­pen­wolf“ oder Georg Büch­ners „Dan­tons Tod“ und „Woy­zeck“ in kom­pri­mier­ten Ein­mann­fas­sun­gen auf die Büh­ne.

Ver­ant­wort­lich für die Regie und die Text­fas­sung ist Thors­ten Krei­los. Die Rol­le des Woy­zeck über­nahm dies­mal Juli­an W. Koe­nig, wäh­rend Mar­cus Stie­fel-Dürr für Büh­nen­bild und Pup­pen­bau zeich­ne­te. Ent­stan­den ist eine Insze­nie­rung, die das Publi­kum in ihren Bann zog. Hin­ter einem Maschen­draht­zaun, auf einem Boden vol­ler alter, ver­schmutz­ter Klei­dungs­stü­cke, ent­fal­tet sich eine beklem­men­de Welt in Grau. Woy­zeck scheint Teil die­ser trost­lo­sen Sze­ne­rie gewor­den zu sein. Wie gefan­gen in den Erin­ne­run­gen durch­lebt er noch ein­mal die Ereig­nis­se, die ihn schließ­lich aus Ver­zweif­lung und Eifer­sucht zum Mes­ser­mord an sei­ner Part­ne­rin Marie trei­ben. Das Publi­kum wird dabei zu einer Art Voy­eur, der das zwang­haft wie­der­hol­te Gesche­hen beob­ach­tet – als säße Woy­zeck selbst in einer mensch­li­chen Jahr­markts­at­trak­ti­on. Fol­ge­rich­tig wird der Markt­schrei­er aus Büch­ners Frag­ment zur dra­ma­tur­gi­schen Klam­mer der Insze­nie­rung: Nicht mehr ein frem­des Wesen wird aus­ge­stellt, son­dern Woy­zeck selbst.

„Es ist immer schon eine Inter­pre­ta­ti­on, wenn ein Stück insze­niert und auf­ge­führt wird“, erklär­te Juli­an W. Koe­nig sei­nem jun­gen Publi­kum. Sei­ne Dar­stel­lung legt dabei einen deut­li­chen Schwer­punkt auf die Fra­ge nach Schuld und Ver­ant­wor­tung. Woy­zeck erscheint als miss­brauch­ter, ver­spot­te­ter und gede­mü­tig­ter Mensch, des­sen Leben einem Käfig gleicht, aus dem es kein Ent­rin­nen gibt. Christ­li­che Moral, Tugend, die mensch­li­che Natur und gesell­schaft­li­che Nor­men krei­sen um die zen­tra­le Fra­ge des Stücks: „Was ist das, das in uns lügt, mor­det, stiehlt?“

Die Insze­nie­rung macht ein­drucks­voll deut­lich, wie sehr die äuße­ren Umstän­de das Leben des bit­ter­ar­men Sol­da­ten bestim­men. Woy­zeck ver­sucht ver­zwei­felt, sei­ne klei­ne Fami­lie mit Marie und dem gemein­sa­men Kind über Was­ser zu hal­ten. Doch Demü­ti­gun­gen, sozia­le Aus­gren­zung, medi­zi­ni­sche Expe­ri­men­te und schließ­lich Maries Untreue rei­ßen immer tie­fe­re Wun­den. Am Ende reagiert er wie ein gehetz­tes Tier.

Leicht mach­te es die Auf­füh­rung ihrem Publi­kum dabei nicht. Woy­zecks Mono­lo­ge und die Zwie­ge­sprä­che mit den Pup­pen auf Klei­der­stän­dern, die Marie, den Haupt­mann, den Tam­bour­ma­jor und den Dok­tor ver­kör­pern, ver­lang­ten hohe Kon­zen­tra­ti­on. Beson­ders ein­dring­lich gerie­ten die Sze­nen rund um die ver­ord­ne­te Erb­sen­di­ät. Wenn der Signal­ton ertön­te und Woy­zeck an die Auf­nah­me sei­ner ver­hass­ten Mahl­zeit erin­ner­te, senk­ten sich im Publi­kum nicht sel­ten die Bli­cke – die dras­ti­sche Dar­stel­lung ver­fehl­te ihre Wir­kung nicht.

Umso beein­dru­cken­der war die schau­spie­le­ri­sche Leis­tung von Juli­an W. Koe­nig, der die kom­ple­xe Hand­lung und die inne­re Zer­ris­sen­heit der Figur allein auf die Büh­ne brach­te. Nach der Auf­füh­rung spen­de­ten die Schü­le­rin­nen und Schü­ler lang anhal­ten­den Applaus. Für den Schau­spie­ler selbst war jedoch etwas ande­res ent­schei­dend: die spür­ba­re Kon­zen­tra­ti­on und Auf­merk­sam­keit im Raum. Die­ses inten­si­ve Mit­ge­hen des Publi­kums sei für ihn die größ­te Aner­ken­nung.

Wie aktu­ell Büch­ners Stoff bis heu­te geblie­ben ist, ver­deut­lich­te auch das anschlie­ßen­de Publi­kums­ge­spräch. Aus­gren­zung, psy­chi­scher Druck und gesell­schaft­li­che Gewalt – das sind The­men, die auch fast 200 Jah­re nach Ent­ste­hung des Dra­mas nichts von ihrer Bri­sanz ver­lo­ren haben. Zum Abschluss dank­te Schul­lei­ter Joa­chim Phil­ipp für die ein­drucks­vol­le Auf­füh­rung, die auch dank der Unter­stüt­zung des Freun­des­krei­ses ermög­licht wur­de, und unter­strich damit noch ein­mal die gro­ße Wert­schät­zung für die Thea­ter­auf­füh­rung.

aus der RNZ von Anna Haa­se­mann-Dun­ka

Im Bild Schau­spie­ler Juli­an W. Koe­nig als Sol­dat Woy­zeck in Akti­on.